Atemtherapie

Die Atemtherapie ist ein Teil der Physiotherapie und führt durch eine grosse Vielfalt an therapeutischen Möglichkeiten zu reaktiven und leistungssteigernden Anpassungsvorgängen im menschlichen Körper. Die Atemtherapie und das pulmonale Training werden immer wichtiger, die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Atemerkrankungen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. So ist z.B. das Asthma bronchiale eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen mit einer Prävalenz von rund 10 % in den deutschsprachigen Ländern (Riedler, 2015). Insgesamt leiden 8-13% der erwachsenen Bevölkerung in Europa und Nordamerika an einer COPD, wobei die Erkrankung in höherem Alter stark zunimmt (Hemgesberg, 2014).

 

Obstruktive Atemwegserkrankungen sind gekennzeichnet durch eine Erhöhung des Strömungswiderstandes, der Atemwiderstand ist erhöht, so dass eine Behinderung der Luftströmung in den Atemwegen innerhalb oder ausserhalb der Bronchien erfolgt. Innerhalb der Bronchien wird die Obstruktion durch einen Spasmus der Muskulatur, eine entzündliche Schleimhautschwellung oder eine übermässige Schleimproduktion verursacht, wobei charakteristisch für die unterschiedlichen Krankheitsbilder unterschiedliche Ausprägungsgrade zu beobachten sind. Ausserhalb der Bronchien wird die Obstruktion durch instabile Atemwege verursacht. Mischformen kommen sehr häufig vor. Obstruktive Erkrankungen sind das Asthma bronchiale und die chronische Bronchitis, die COPD als Sammelbegriff enthält noch zusätzlich das Lungenemphysem, welches bereits auch restriktive Komponenten aufweist.

Restriktive Atemwegserkrankungen sind gekennzeichnet durch eine Einschränkung der Ausdehnfähigkeit der Lunge und einer verminderten Dehnbarkeit der Thoraxwand, welche zu einer Verkleinerung der Atemoberfläche führen. Die Verminderung der Lungendehnbarkeit kann z.B. bei Lungenstauung, Lungenödem, Pleuraerguss oder bei Erkrankungen wie Lungenfibrose oder – sarkoidosen enstehen. Skoliosen führen zu einer Verminderung der Brustkorbbeweglichkeit, operative Eingriffe an der Lunge vermindern die Lungenelastizität. Ein wichtiger Mechanismus, der das Lungenvolumen einschränkt ist die Zunahme des Druckes im Bauchraum und Brustkorbes durch Adipositas (Übergewicht).

Das Wissen um die Patophysiologie jeder Erkrankung bildet die Basis für eine effektive und zielgerichtete Atemtherapie. Die Behandlungsansätze entscheiden sich nach der Grunderkrankung und den im Vordergrund stehenden Symptomen. Unsere Atemtherapeuten arbeiten direkt am Gewebe um die Beweglichkeit von Brustkorb und Zwerchfell zu verbessern, instruieren Techniken zum Sekretlösen und Abhusten und geben Hilfestellungen für den Alltag wie z.B. die Instruktion der Lippenbremse und von Entlastungsstellungen oder auch Informationen zu Hilfsmitteln wie Inhalationsgeräten, dem Cornet oder Flutter.

 

Neben den direkten atemphysiotherapeutischen Massnahmen ist das aktive Training in Form eines kardiopulmonalem Ausdauer- und Krafttrainings eine wichtige Therapie. Da viele Patienten mit
Zunahme der Symptome immer inaktiver werden, nimmt die Muskelkraft am gesamten Körper, aber auch die Muskelkraft des Zwerchfells (unser Haupteinatemmuskel) zunehmend ab, was wiederum die Zunahme von Symptomen begünstigt. Eine Inaktivität hat verschiedene Folgen für den Körper aber auch für Sie als Person. Wenn Sie nicht mehr den Weg aus dem Haus schaffen oder der Weg zum Auto immer mühsamer wird, Sie nicht mehr alleine Einkaufen können oder Sie die Verwandschaft oder Freunde nicht mehr besuchen können, reduziert sich zunehmend Ihr Aktionsradius was sich negativ auf Ihre Lebensqualität auswirkt und die Abhängigkeit von Drittpersonen erhöht. Die Trainingstherapie soll dieser Spirale entgegenwirken und durch ein gesteuertes Lungentraining die Kraft- und Ausdauerwerte spürbar langfristig verbessern

 

Die Wurzeln der RAT, so wie sie von unseren Therapeuten praktiziert wird, liegt in dem ganzheitlichen Behandlungskonzept, das Dr. med. Johannes Ludwig Schmitt in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt hat. Dr. Schmitt legte grossen Wert auf die optimale Beweglichkeit der Wirbelsäule als «Transporteur» der Atembewegung und auf die Kräftigung des Zwerchfells als wichtigstem Atemmuskel. Seit nun über 40 Jahren ist die RAT eine bewährte Behandlungsmethode der Physiotherapie.

Die RAT beruht auf einer Wärmebehandlung, anschliessenden verschiedenen manuellen Techniken und der Atemgymnastik im Anschluss und als Heimübungen. Das Ziel ist die Aktivierung der  Zwerchfellbewegung als Voraussetzung für eine optimale Form des Atem-Bewegungsablaufes.

Durch Druckverschiebungen in Haut- und Muskulatur sowie durch Schmerzreize unterschiedlicher Dosierung wird eine nervös-reflektorische Steuerung in Gang gesetzt und somit unwillkürlich eine Veränderung der Atembewegung hervorgerufen. Neben der Herabsetzung erhöhter faszialer Gewebswiderstände wird auf die Spannungsregulation und auf den Grundtonus der Atem- und Atemhilfsmuskulatur Einfluss genommen. Über die Griffe und Reizsetzungen und die verstärkte Atembewegung werden alle Systeme des Körpers und viele Aspekte des Krankheitsgeschehens beeinflusst.

Das Anwendungsspektrum umfasst alle Schweregrade akuter und chronischer Erkrankungen der Atmungssysteme und kann bei allen Altersstufen angewendet werden. Erkrankungen des Bewegungssystems wie z.B. Wirbelsäulenbeschwerden akut oder chronisch und Gelenksbeschwerden zählen ebenso zu den Indikationen der RAT, wie Beschwerden mit dem vegetativen Nervensystem oder der inneren Organe. Sportler schätzen die fasziale Arbeit und sind immer wieder überrascht, welche Atemerweiterung diese Behandlungen hervorrufen.

«Der Atem ist der beste Freund unseres Lebens.» – Dr. Schmitt

 

Die Autogene Drainage besteht aus speziellen Mobilisations-, Dehnungs- und Atemtechniken, um Sekret und zähen Schleim zu mobilisieren und zum Abhusten zu bringen. Diese Technik wird z.B. bei Mukoviszidose angewendet.

 

Körperliches Training bei Lungenerkrankungen ist ein wichtiger Therapiebestandteil. Dekonditionierung und zunehmender Kaftverlust sind Symptome und Folgen von Lungenerkrankungen, die den Alltag von Lungenpatienten bestimmen. Studien haben gezeigt, dass die Dicke und Kraft des Zwerchfells als Hauptatemmuskel im gleichen Umfang abnehmen wie die Muskelkraft und der Dicke der Muskeln des Bewegungsapparates und mit dem Schweregrad einer COPD korrelieren (Elsawy, 2017; Hafez und Abo-Elkheir, 2017).

Körperliche Aktivität und Training sind deshalb für Atempatienten umso wichtiger, um muskuläre Dsyfunktionen zu vermeiden und das Herz-Kreislaufsystem zu stimulieren. Das Training kann in unseren Gruppen mit Unterstützung der Lungenliga St.Gallen stattfinden oder alternativ als Einzelphysiotherapie unter individueller Kontrolle von unseren Therapeuten. Die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit führt zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität. Neben den physiologischen Prozessen, die die Atmung verbessern, sind Aspekte wie die Steigerung des Selbstwertgefühls, der Abbau von Angst und die Reduktion der Atemnot grosse Erfolge eines Aufbautrainings.

Das Training findet als Einzelbetreuung oder in Gruppen 2-3x in der Woche statt. Zu Beginn führt der Therapeut ein Einführungsgespräch mit Ihnen und sammelt notwendige Informationen. Bitte bringen Sie Arztberichte und die Ergebnisse eines Belastungstests und Ihrer Lungenfunktion mit. Das Training findet unter permanenter Kontrolle eines ausgebildeten Therapeuten statt und Trainingswerte werden protokolliert und die Trainingsparameter werden kontinuierlich angepasst.

Bitte melden Sie sich in unserer Physiotherapie, wenn Sie weitere Fragen haben oder sich für unser pulmonales Training anmelden möchten.

 

Die Auswertung von Daten und die Durchführung von Studien rund um das Krankheitsbild steckt noch in den Kinderschuhen. Krankheitsverläufe variieren sehr stark individuell, so auch die Symptome und durchgeführten Therapien in der Akutphase. Erfahrungsberichte von genesenen Patienten und Therapeuten zeigen, dass viele Patienten nach einem mittelschweren und schwerem Verlauf mit oder ohne Beatmung Einschränkungen am Bewegungsapparat und von der Lungenfunktion zeigen.

Wenn Sie nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung an Atembeschwerden, Kurzatmigkeit, Verspannungen, Bewegungseinschränkungen, einer Belastungseinschränkung oder einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit leiden, empfehlen wir Ihnen eine weiterführende Atem- und Physiotherapie mit kontrolliertem Belastungsaufbau mittels Medizinischer Trainingstherapie (pulmonales Aufbautraining).

 

  • Brüne L, Bickel B (2018). Reflektorische Atemtherapie. 3. Auflage. Pflaum Verlag, München.
  • Elsawy SB (2017). Impact of chronic obstructive pulmonary disease severity on diaphragm muscle thickness. Egyptian Journal of Chest Diseases and Tuberculosis, 66:587-592.
  • Hafez MR, Abo-Elkheir OI (2017). Sonographic assessment of diaphragm thickness and its effects in inspiratory muscles` strength in patients with chronic obstructive disease. Eurasian Journal of Pulmonology, 19:76-83.
  • Hemgesberg H (2014). Lungenkrankheiten auf dem Vormarsch: «Wenn die Lunge streikt» - Das fatale Trio: Lungenemphysem – COPD – Asthma. Neobooks.
  • Riedler, J (2015). Asthma bronchiale bei Kindern und Jugendlichen. Monatsschr Kinderheilkd 163, 833–846.

 

Weiterführende Informationen:
www.lungenliga.ch

 

Therapie Ostschweiz by Ralf Dornieden und Thomas Langhans