Neurorehabilitation

Unser Nervensystem ist die zentrale Steuerung unseres Körpers. Ähnlich eines Computers steuert das Gehirn all unsere Bewegungen, nimmt diese wahr und reagiert auf äußere Reize – ob wir es wollen oder nicht.
Was passiert aber, wenn unser Computer einen Schaden erleidet oder ein Kabel kaputt ist und nicht mehr fehlerfrei funktioniert? Einen Computer würden wir einfach austauschen oder wegwerfen, bei unserem Nervensystem ist das allerdings nicht so einfach möglich.
Wird ein Teil unseres Denkorgans beschädigt oder funktioniert nicht mehr richtig, so ist ein anderer Teil des Gehirns dazu in der Lage dessen Aufgaben zu erlernen und zu übernehmen.
Dieser Lernvorgang kann jedoch nur stattfinden, wenn wir unser Nervensystem wiederholt spezifischen Reizen aussetzen und es dazu auffordern, neue Wege zu bahnen und neue Lösungen zu finden.

Welche Reize beeinflussen unser Handeln und führen zu einem Neu-Erlernen? Es sind die Reize, denen wir täglich ausgesetzt sind - Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und besonders das Fühlen. Wir lernen aus Erfahrungen und Wahrnehmungen, die wir machen.
Erleben oder Fühlen wir immer das Gleiche, wird es für uns zur Routine, sodass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, beispielsweise das Zähne putzen. Unser Gehirn hat bestimmte Bewegungsabläufe gespeichert und kann ständig auf diese zurückgreifen.
Kommt es zu einer Beschädigung von Strukturen des Nervensystems gehen gespeicherte Programme verloren und wir können diese nicht mehr so einfach abrufen. Bewegungen, Reaktionen und Wahrnehmungen, die zuvor selbstverständlich waren, erfordern plötzlich mehr Konzentration.

Aufgrund der Menge an neurologischen Krankheitsbildern und ihrer so vielseitig auftretenden Symptome, verlangt es nach einer individuell an den Patienten und seinen Bedürfnissen angepassten Behandlung.

Wir unterstützen Sie auf Ihrem Weg zurück in den Alltag mit speziell für neurologische Krankheiten entwickelten Therapiemethoden wie z.B. Bobath und PNF. Wenn nötig werden die etablierten Methoden mit weniger bekannten Konzepten, wie z.B. dem Luft-Boxen (Rock Steady Boxing) oder auch durch Trainingstherapie, ergänzt.

Eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen ist mit etwa 16.000 Patienten jährlich der Schlaganfall (Bundesamt für Statistik, 2019). Er gehört wie das Schädel-Hirn-Trauma (SHT) zu den akuten und traumatischen neurologischen Krankheitsbildern. Aufgrund einer Blutung in das Hirngewebe (z.B. durch ein Aneurysma) oder aber auch einer Minderdurchblutung (Hirninfarkt), kommt es zur Unterversorgung des Gewebes, welches im schlimmsten Fall so geschädigt wird, dass es seine Funktion nicht mehr ausüben kann. Die Symptome variieren nach Läsionsort und können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Dabei kann es zu einer halbseitigen Lähmung, Sprach- und Schluckstörungen, Gleichgewichtsproblemen oder auch zu Gefühlsstörungen kommen. Patienten leiden sehr oft unter Kraftverlust und verminderten Reaktionen, was den normalen Alltag stark beeinträchtigen kann. Entspannte Busfahrten werden dadurch schnell zu einer Herausforderung. Sei es aufgrund der hohen Stufe, die zum Ein- und Aussteigen überwunden werden muss oder wegen der geschwächten Fähigkeit, das Gleichgewicht in den Kurven oder beim Abbremsen und Anfahren zu halten.

Der Morbus Parkinson ist eine degenerative Erkrankung oder Folge einer Autoimmunerkrankung, die mit einem meist langsam voranschreitenden Untergang von spezifischen Nervenzellen einhergeht. Diese Zellen sind verantwortlich für die Bildung des Botenstoffes Dopamin, welcher für die Bewegungsmotivation, unseren Antrieb, eine Bewegung überhaupt auszuführen, zuständig ist.
Mit der Reduktion dieses Botenstoffes kommt es zu den bekannten Symptomen des Morbus Parkinson, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und den Patienten im Alltag mehr oder weniger beeinträchtigen:

  • Tremor (Zittern, z.B. der Hände in Ruhe oder unter Stress)
  • Rigor (Steifigkeit der Muskulatur, Patienten fühlen sich «wie gelähmt»)
  • Akinese (Bewegungsarmut, Verlangsamte Bewegungsabläufe wie z.B. das Gehen)
  • Gleichgewichtsstörungen (häufige Stürze, mangelnde Stabilität beim Stehen und Gehen)

Der M. Parkinson und der Schlaganfall sind Krankheitsbilder, die eher Patienten ab 50 Jahren betreffen.

Die Multiple Sklerose eine recht früh auftretende, neurologische Erkrankung und betrifft vor allem Erwachsene im Alter von 20 – 40 Jahren (Ligouri et al, 2000). Es handelt es sich dabei um eine Autoimmunerkrankung, bei der die Isolierung der Nervenfasern entzündet und vernarbt. Dadurch verändert sich die Nervenleitgeschwindigkeit, was zu den unterschiedlichsten Symptomen führt:

  • Störungen der Sensibilität
  • Kraftverlust einzelner Muskelgruppen
  • Lähmung einzelner Muskelgruppen
  • Gleichgewichtsprobleme
  • Blasenstörungen
  • Sehstörungen
  • ausserordentliche Erschöpfbarkeit und Müdigkeit

Die Multiple Sklerose verläuft meist schubförmig, während dem die Symptomatik verstärkt ausgeprägt ist und die Beschwerden zunehmen. In den schubfreien Intervallen hingegen befinden sich die Patienten in einer besseren Verfassung und können ihren Alltag häufig normal gestalten. Die Schübe können in unregelmässigen Abständen auftreten und unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Daher ist es wichtig, über die Krankheit aufzuklären, zu informieren und eine umfassende Betreuung aus einem Team von Ärzten und Therapeuten zu gewährleisten, sodass der Patient optimal in allen Bereichen versorgt werden kann.

Bobath
Das Konzept wurde 1943 von dem Ehepaar Bobath entwickelt und basiert auf der Idee, dass unser Gehirn eine Neuroplastizität besitzt, die gezielt gefördert und stimuliert werden kann. Für dieses „Neu-programmieren“ benutzen wir in der Therapie spezifisch an den Patienten angepasste Reize, die vorallem Aktivität und Bewegungserfahrung fördern und neue Lernprozesse in Gang setzen.
Am Anfang der Therapie führen wir mit Ihnen ein ausführliches Gespräch, um Sie mit Ihren Zielen und Wünschen kennenzulernen und um einen Therapieplan erstellen zu können. In die Behandlung wird auch die Beratung und Abklärung hinsichtlich Hilfsmitteln zur Verbesserung Ihrer Alltagssituation, Unterstützung bei Hobbies oder in der Arbeit integriert. Wie Sie bereits sehen geht es im Bobath-Konzept nicht nur darum sie zu behandeln, sondern im Alltag Hilfestellungen anzubieten und Möglichkeiten aufzuzeigen.
Auch das Einbeziehen von Bezugspersonen, wie Freunde oder Verwandte, ist Teil der Therapie und soll Ihnen ermöglichen, ausserhalb der Behandlung weitere Fortschritte und Erfolge zu erzielen.
Das gezielte Üben und Wiederholen von Bewegungsabläufen mit dem Therapeuten, aber auch im Alltag, lässt Sie Hürden überwinden und Arbeit, Hobbies sowie alltägliche Handlungen wieder zur Routine werden. Unsere Therapeuten nutzen die aus dem Gespräch erfassten Informationen, um bereits bekannte Bewegungen in die Therapie zu integrieren. So fällt es beispielsweise einem Fussball-Spieler leichter Übungen mit einem Fussball auszuführen als einem Tänzer.
Wir nutzen einen auf Sie individuell angepassten Trainingsplan - üben Alltagsbewegungen, kräftigen mit Ihnen zusammen spezifische Muskelgruppen, verbessern Ihre Beweglichkeit oder arbeiten gemeinsam an Ihrem Gleichgewicht, sodass Bewegungsabläufe leichter fallen und automatisiert werden.
 

Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)
Die Propriozeption ist verantwortlich für die Wahrnehmung unseres Körpers im Raum und der verschiedenen Körperabschnitte zueinander. Durch Rezeptoren, die diese Informationen weiterleiten, wissen wir normalerweise jederzeit ob unser Knie gebeugt oder gestreckt ist. Wir wissen automatisch ob unsere Füße im richtigen Winkel unter unseren Knien sind, um von einem Stuhl aufzustehen. Wird unsere Wahrnehmung eingeschränkt, fallen uns alltägliche Dinge, wie beispielsweise das Greifen einer Tasse, plötzlich schwer, da wir die Entfernung zu der Tasse nicht mehr richtig einschätzen können und die Steuerung der Muskulatur erschwert wird.
Um Ihre Wahrnehmung  zu fördern und  die Muskulatur wieder korrekt ansteuern zu können, nutzt PNF bestimmte Bewegungsmuster, die bei uns Menschen alle gleichartig ablaufen und abgespeichert sind.
Unsere Therapeuten analysieren Ihre Bewegungen und formulieren gemeinsam mit Ihnen  Ihre Therapieziele. In der Behandlung selbst werden spezifische Bewegungsabläufe trainiert und optimiert, sodass die Bewegungen ökonomischer und somit auch zielführender werden und Ihnen im Alltag leichter fallen. Genutzt werden dabei besonders Reize, die die Bewegung in eine bestimmte Richtung führen und Konzentration und Wahrnehmung auf die aktuelle Situation lenken.
Durch das Ansprechen möglichst vieler Sinne (Fühlen, Hören, Sehen) fördern unsere Therapeuten das Erlernen von Bewegungsabläufen und ermöglichen Ihnen so, Ihren Alltag kraftsparender und ökonomischer zu Gestalten und zu Erleben.

Literatur:

  • Bundesamt für Statistik (2019). Todesursachenstatistik (CoD). Medizinische Statistik der Krankenhäuser (MS). Gesundheitsstatistik 2019.
  • Liguori M, Marrosu MG, Pugliatti M, Giuliani F, De Robertis F, Cocco E, Zimatore GB, Livrea P, Trojano M. (2000). Age at onset in multiple sclerosis. Neurologic Science, 21, p825-9.
  • Davies PM (2018). Hemiplegie, Ein umfassendes Behandlungskonzept für Patienten nach Schlaganfall und anderen Hirnschädigungen. 2. Aufl., Springer Verlag.
  • Reichel HS (2007). Das PNF-Konzept. 5. Aufl., Thieme Verlag.

 

Weiterführende Informationen:

https://www.multiplesklerose.ch/de
https://www.parkinson.ch
https://www.neurovasc.ch

 

Therapie Ostschweiz by Ralf Dornieden und Thomas Langhans